
Menschen, die bei jeder Gelegenheit Fotos schießen, haben Probleme, sich daran zu erinnern, was sie eigentlich erlebt haben. Zu diesem Schluss kommt die Psychologin Maryanne Garry von der Victoria University of Wellington die derzeit die Effekte der Fotografie auf unsere Kindheitserinnerungen untersucht. Zudem haben Forscher der Fairfield University diese gewagte These anhand einer Studentengruppe während einer Museumstour nachgewiesen.
Erinnern als aktiver Prozess
„Dinge, die interessant sind, bekommen mehr Aufmerksamkeit und aktive Zuwendung – und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch erinnert werden. Wird dieses Erinnern nun an technische Hilfsmittel ausgelagert, liegt es nahe, dass die entsprechende Aufmerksamkeit eine andere ist – und damit auch die Erinnerung daran“, erklärt Psychologe Dominik Rosenauer im Gespräch.
„Fraglich ist allerdings, ob wir diese neuen Möglichkeiten, unser Gedächtnis zu entlasten, unterstützend verwenden können – zum Beispiel in Situationen, wo wir emotional abgelenkt sind wie der Geburt unseres Kindes – oder ob wir uns ‚gar nichts mehr‘ merken, weil wir alles auf Facebook teilen, twittern oder abfotografieren – und es damit auch als ‚erledigt‘ abbuchen“, führt Rosenauer aus. Das nebenher aus dem Sightseeing-Bus Fotografieren falle beispielsweise in die untersuchte Kategorie des Sehens – Fotografierens – Vergessens.
Dennoch würden Fotos durchaus dabei helfen, sich an Erlebtes zu erinnern. „Ereignisse aus der frühen Kindheit wären uns ohne die Fotografie ebenso wie viele andere Erlebnisse unseres Lebens nur noch schwer zugänglich“, beschreibt der Psychologe. Sie können also im richtigen Maß auch eine Gedächtnisstütze sein. „Vor allem dann, wenn wir uns emotional aktiv einem interessanten Erleben zuwenden und es noch zusätzlich fotografieren“, resümiert Rosenauer.
Eltern horten Kindheitsfotos
Garry zufolge behindert andauerndes Fotografieren den Prozess, in dem Menschen ihre Erinnerung bilden. Laut aktuellen Forschungsergebnissen beeinflusst die Fotografie nicht nur unser Gedächtnis, sondern auch die subjektive Interpretation von erlebten Erfahrungen. „Ich bin der Ansicht, dass Menschen dadurch die Fähigkeit aufgeben, den Moment zu leben“, verrät sie. Eltern würden beispielsweise unzählige Fotos einfach verräumen, weil es zu schwierig wäre, diese zu kennzeichnen und zu ordnen. „Auch dies scheint mir eine Art von Verlust zu sein“, erklärt die Psychologin.
Studenten wurden aufgefordert, Kunstwerke und historische Ausstellungsstücke zu fotografieren oder diese ausschließlich zu memorieren. Am darauffolgenden Tag ist ihre Erinnerung überprüft worden. Den Ergebnissen nach war es für diejenigen, welche die Fotos geschossen haben, schwieriger die Objekte wiederzuerkennen als für jene, die sie nur betrachtet haben. Zusätzlich waren die Probanden, welche die Exponate ablichten sollten, kaum in der Lage, Details abzurufen.
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